Über unsere inneren Schutzmechanismen, den Umgang mit schwierigen Emotionen und die Möglichkeit, unserer Lebendigkeit wieder näherzukommen.
Vielleicht kennst du das Gefühl, dass dein Alltag funktioniert und trotzdem etwas fehlt.
Du erledigst deine Aufgaben, kümmerst dich um andere, bist zuverlässig und bemühst dich, alles gut hinzubekommen. Vielleicht bist du viel beschäftigt, kannst schwer zur Ruhe kommen oder hast das Gefühl, immer etwas tun zu müssen.
Und manchmal, in einem ruhigen Moment, taucht die Frage auf: Wo ist eigentlich meine Freude geblieben? Meine Leichtigkeit? Diese Lebendigkeit, die ich vielleicht früher einmal gespürt habe?
Es kann viele Gründe dafür geben, warum uns diese Gefühle manchmal weniger zugänglich sind.
Einer davon könnte sein, dass wir irgendwann gelernt haben, bestimmte Emotionen lieber auf Abstand zu halten.
Nicht bewusst und meist auch nicht freiwillig. Sondern weil es einmal wichtig war, mit schwierigen Erfahrungen irgendwie zurechtzukommen.
Wenn Gefühle keinen Platz finden
Wir Menschen entwickeln im Laufe unseres Lebens ganz unterschiedliche Wege, mit herausfordernden Situationen umzugehen.
Manche Gefühle können wir gut wahrnehmen und ausdrücken. Andere sind vielleicht mit Unsicherheit, Scham oder sogar Angst verbunden.
Vielleicht hast du als Kind erlebt, dass für deine Wut wenig Verständnis da war. Dass Traurigkeit schnell mit einem „Ist doch nicht so schlimm“ beantwortet wurde. Oder dass du besonders stark sein musstest, weil gerade niemand die Möglichkeit hatte, dich in deinem Erleben zu begleiten.
Solche Erfahrungen können Spuren hinterlassen.
Manchmal lernen wir dadurch, bestimmte Gefühle möglichst rasch zur Seite zu schieben. Vielleicht lenken wir uns ab, werden besonders leistungsorientiert oder versuchen, unangenehme Situationen zu vermeiden.
Diese Wege können durchaus hilfreich gewesen sein. Sie haben uns möglicherweise ermöglicht, durch schwierige Zeiten zu kommen und handlungsfähig zu bleiben.
Gleichzeitig kann es vorkommen, dass wir mit der Zeit nicht nur unsere unangenehmen Gefühle weniger deutlich wahrnehmen.
Auch Freude, Begeisterung, Nähe und Verbundenheit können sich gedämpft anfühlen.
Denn unser Nervensystem unterscheidet nicht immer so eindeutig zwischen erwünschten und unerwünschten Emotionen, wie wir uns das vielleicht wünschen würden.
Wenn emotionale Intensität über längere Zeit mit Überforderung verbunden war, kann unser System insgesamt vorsichtiger werden.
Was uns ursprünglich vor Schmerz schützen sollte, kann manchmal auch den Zugang zu unserer Lebendigkeit einschränken.
Das ist kein persönliches Versagen. Es kann vielmehr Ausdruck einer Anpassung sein, die einmal sinnvoll oder sogar notwendig war.
Ein Keller voller Erfahrungen – und viele engagierte Beschützer
In meiner Begleitungsarbeit verwende ich gerne das Bild eines Kellers.
Stell dir vor, in diesem Keller befinden sich Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle, für die es zu einem bestimmten Zeitpunkt keinen ausreichend sicheren Platz gab.
Vielleicht war eine Situation einfach zu viel. Vielleicht fehlte jemand, der Trost spenden, Sicherheit vermitteln oder beim Verstehen und Verarbeiten helfen konnte.
Manche dieser Erfahrungen werden gewissermaßen im Keller verwahrt.
Und manchmal gleicht dieser Keller sogar einem Hochsicherheitsgefängnis.
Mit schweren Türen, mehreren Schlössern und einer ganzen Mannschaft an Sicherheitskräften, die darauf achtet, dass nichts Unangenehmes nach oben gelangt.
Dieses Bild beschreibt auf anschauliche Weise etwas, das wir auch aus dem Internal Family Systems (IFS) kennen.
In diesem Modell gehen wir davon aus, dass wir unterschiedliche innere Anteile in uns tragen. Manche sind mit schmerzhaften Erfahrungen und Gefühlen verbunden. Andere übernehmen schützende Aufgaben und versuchen zu verhindern, dass wir erneut mit überwältigendem Schmerz in Berührung kommen.
Und diese Schützer können ausgesprochen einfallsreich sein.
Vielleicht gibt es einen Anteil, der dafür sorgt, dass du immer beschäftigt bist. Kaum ist eine Aufgabe erledigt, wartet schon die nächste. Zur Ruhe zu kommen fällt schwer, denn sobald es still wird, taucht vielleicht eine unangenehme innere Unruhe auf.
Oder du kennst das Aufschieben wichtiger Aufgaben. Du möchtest etwas erledigen und kommst trotzdem nicht ins Tun. Möglicherweise spielt dabei auch die Sorge mit, zu scheitern, kritisiert zu werden oder Erwartungen nicht zu erfüllen.
Vielleicht gibt es auch einen Anteil, der besonders darauf achtet, es anderen recht zu machen. Der lieber nachgibt, als einen Konflikt zu riskieren, oder eigene Bedürfnisse zurückstellt, um Verbindung und Zugehörigkeit nicht zu gefährden.
Auch übermäßiges Arbeiten, exzessiver Sport, Rückzug, problematisches Essverhalten oder andere Formen der Ablenkung können manchmal solche Schutzfunktionen übernehmen.
Natürlich hat nicht jedes Verhalten seinen Ursprung in einer belastenden Erfahrung. Und nicht hinter jeder Gewohnheit steckt ein verletzter innerer Anteil.
Dennoch finde ich es immer wieder berührend, wie viel Verständnis entstehen kann, wenn wir beginnen, ein Verhalten auch aus dieser Perspektive zu betrachten.
Nicht nur mit der Frage, warum wir etwas tun.
Sondern vielleicht auch mit einer gewissen Neugier darauf, was dieses Verhalten bisher für uns möglich gemacht oder wovor es uns bewahrt hat.
Unsere inneren Schützer haben ihre Gründe
Ein Gedanke aus der IFS-Arbeit begleitet mich besonders:
Hinter vielen unserer inneren Schutzstrategien steckt eine positive Absicht, auch wenn sich die Auswirkungen im Alltag manchmal alles andere als hilfreich anfühlen.
Ein perfektionistischer Anteil möchte uns vielleicht vor Ablehnung bewahren. Ein besonders kritischer Anteil versucht möglicherweise, Fehler frühzeitig zu verhindern. Und ein Anteil, der immer wieder nach Ablenkung sucht, möchte uns womöglich vor Gefühlen schützen, die sich schwer aushalten lassen.
Das bedeutet nicht, dass wir jedes Verhalten gutheißen oder seine Folgen einfach hinnehmen müssen.
Aber vielleicht verändert sich etwas in unserer inneren Haltung, wenn wir diese Zusammenhänge besser verstehen.
Aus einem „Warum bin ich nur so?“ könnte mit der Zeit ein „Ah, vielleicht gibt es einen guten Grund, warum ich das so mache“ werden.
Diese kleine Veränderung im Blick auf uns selbst kann bereits entlastend sein.
Wir dürfen unsere Schutzstrategien verstehen lernen, ohne sie sofort verändern zu müssen.
Manchmal ist allein das eine neue Erfahrung: sich selbst mit etwas mehr Freundlichkeit zu begegnen, gerade dort, wo bisher vor allem Kritik oder Unverständnis war.
Gefühle möchten nicht unbedingt gelöst, sondern begleitet werden
Wenn ich an den Umgang mit Emotionen denke, kommen mir oft kleine Kinder in den Sinn.
Ein Kind, das gerade voller Wut ist, weil etwas nicht so funktioniert, wie es sich das vorgestellt hat. Ein anderes, das bitterlich weint, weil es enttäuscht wurde. Oder eines, das Angst bekommt und Nähe sucht.
Kinder lernen erst mit der Zeit, ihre Gefühle zunehmend selbstständig zu regulieren.
Eine wichtige Grundlage dafür ist die Erfahrung, dass jemand da ist, der ihnen hilft, mit diesen intensiven Zuständen umzugehen.
Jemand, der die Wut wahrnimmt, ohne das Kind dafür abzulehnen. Der Trost anbietet, wenn Traurigkeit auftaucht. Der Sicherheit vermittelt, wenn Angst spürbar wird.
Dabei geht es nicht darum, jedes Gefühl sofort zu beruhigen oder jedes Problem aus der Welt zu schaffen.
Manchmal ist es bereits hilfreich, wenn ein Kind erleben darf:
Da ist jemand, der mich wahrnimmt. Mein Gefühl darf da sein. Ich bin damit nicht allein.
Solche Erfahrungen unterstützen die Entwicklung unserer Emotionsregulation.
Doch nicht alle Menschen haben in ihrer Kindheit ausreichend Gelegenheit bekommen, diesen Umgang mit Gefühlen zu erlernen.
Vielleicht mussten sie früh selbstständig sein. Vielleicht hatten ihre Bezugspersonen mit eigenen Belastungen zu kämpfen. Oder bestimmte Emotionen waren in ihrer Familie schlicht nicht willkommen.
Dann kann es sein, dass wir auch als Erwachsene noch wenig vertraut damit sind, wie wir uns selbst bei Frust, Traurigkeit, Wut oder Enttäuschung begleiten können.
Das ist für mich ein wichtiger Gedanke: Emotionsregulation ist etwas, das wir lernen und auch später im Leben weiterentwickeln können.
Nicht als weitere Aufgabe, die es zu erfüllen gilt.
Sondern als Möglichkeit, mehr Sicherheit und Vertrauen im Umgang mit dem eigenen Erleben zu erfahren.
Was unser Körper mit unseren Gefühlen zu tun hat
In meiner Arbeit mit Somatic Experiencing (SE) erlebe ich immer wieder, wie eng unsere Gefühle mit körperlichen Empfindungen verbunden sein können.
Angst zeigt sich vielleicht durch einen engen Brustkorb oder einen flachen Atem. Wut kann mit Hitze, Spannung oder einem starken Bewegungsimpuls verbunden sein. Traurigkeit spüren manche Menschen als Schwere, Druck oder Enge.
Andere nehmen zunächst kaum etwas wahr.
Auch das darf sein.
Besonders nach belastenden oder überwältigenden Erfahrungen kann der Kontakt zum eigenen Körper ungewohnt oder verunsichernd sein.
Vielleicht kennst du das: Du bemerkst eine unangenehme Empfindung und möchtest, dass sie möglichst schnell wieder verschwindet.
Oder du spürst eine innere Anspannung, ohne genau zu wissen, was dahintersteckt.
In solchen Momenten kann es hilfreich sein, nicht sofort nach einer Erklärung oder Lösung zu suchen.
Manchmal genügt es, zunächst wahrzunehmen, was gerade da ist – sofern sich das gut und sicher anfühlt.
Vielleicht bemerkst du, dass deine Schultern angespannt sind. Dass du den Atem anhältst oder deine Hände fest ineinanderpresst.
Vielleicht fällt dir gleichzeitig auf, dass der Sessel dich trägt, deine Füße Kontakt zum Boden haben oder ein Blick aus dem Fenster angenehm ist.
Beides darf nebeneinander bestehen: eine unangenehme Empfindung und etwas, das sich stabil oder unterstützend anfühlt.
Im Somatic Experiencing arbeiten wir unter anderem mit solchen kleinen, gut dosierten Wahrnehmungsschritten. Dabei geht es nicht darum, möglichst viel oder möglichst intensiv zu fühlen.
Vielmehr kann das Nervensystem mit der Zeit neue Erfahrungen im Umgang mit Aktivierung und Beruhigung sammeln.
Ein Gefühl wahrzunehmen bedeutet nicht, ihm hilflos ausgeliefert zu sein.
Manchmal ist es möglich, einer Empfindung kurz Aufmerksamkeit zu schenken und sich dann wieder etwas anderem zuzuwenden.
Manchmal ist Abstand gerade das Hilfreichste.
Und manchmal braucht es einen anderen Menschen, der uns dabei begleitet.
Es gibt hier kein richtiges Tempo und keinen festgelegten Weg.
Vielleicht darf die Kellertür vorerst geschlossen bleiben
Erinnerst du dich an den Keller mit seinen schweren Türen und den vielen Sicherheitskräften?
Stell dir vor, jemand würde plötzlich versuchen, alle Schlösser zu entfernen und die Türen weit aufzureißen.
Vermutlich wären unsere inneren Beschützer sofort in Alarmbereitschaft.
Und vielleicht hätten sie damit sogar gute Gründe.
Denn Erfahrungen, die einmal überwältigend waren, können auch später noch starke Gefühle und Körperreaktionen auslösen.
Deshalb bedeutet die Annäherung an unsere Emotionen nicht, dass wir alte Verletzungen unbedingt wieder hervorholen oder uns mit allem auseinandersetzen müssen, was wir bisher auf Abstand gehalten haben.
Manchmal ist es bereits wertvoll, zu verstehen, warum bestimmte Türen überhaupt entstanden sind.
Vielleicht bleibt die Kellertür noch eine ganze Weile geschlossen.
Vielleicht entsteht irgendwann Neugier auf das, was dahinterliegt.
Und vielleicht gibt es im Moment ganz andere Dinge, die wichtiger sind und guttun.
Nichts muss geöffnet, aufgearbeitet oder verändert werden, nur weil wir wissen, dass es da ist.
Wenn wieder mehr Lebendigkeit spürbar wird
Ich denke, wir unterschätzen manchmal, wie viel Kraft es kosten kann, Gefühle dauerhaft zurückzuhalten.
Ständig beschäftigt zu sein. Alles unter Kontrolle haben zu wollen. Sich anzupassen, Erwartungen zu erfüllen oder unangenehme Empfindungen möglichst schnell loszuwerden.
Manchmal sind diese Strategien so vertraut geworden, dass wir gar nicht mehr bemerken, wie viel Raum sie in unserem Leben einnehmen.
Und vielleicht taucht irgendwann die Sehnsucht auf, wieder etwas mehr zu spüren.
Nicht unbedingt die schwierigen Gefühle.
Vielleicht zunächst einfach mehr Freude. Mehr Leichtigkeit. Mehr Verbindung zu sich selbst und anderen.
Aus meiner Sicht können diese Wünsche miteinander verbunden sein.
Wenn es allmählich sicherer wird, unterschiedliche emotionale Zustände wahrzunehmen, kann sich manchmal auch der Zugang zu angenehmen Gefühlen wieder erweitern.
Vielleicht wird ein schöner Moment bewusster erlebt. Ein Gespräch berührt uns mehr. Oder wir bemerken wieder deutlicher, was uns Freude macht und was uns guttut.
Das muss nicht in großen Veränderungen sichtbar werden.
Manchmal sind es kleine Augenblicke, in denen wir uns selbst ein wenig näher sind.
Mir ist dabei besonders wichtig, dass es keinen idealen Zustand gibt, den wir erreichen müssten.
Wir müssen nicht immer offen für unsere Gefühle sein. Wir dürfen uns schützen, Abstand nehmen und selbst entscheiden, womit wir uns beschäftigen möchten.
Und vielleicht können wir gleichzeitig langsam ein Verständnis dafür entwickeln, dass auch Wut, Traurigkeit, Angst, Schmerz und Enttäuschung zu unserem menschlichen Erleben gehören.
Sie sind nicht unsere Feinde.
Sie können Hinweise auf Bedürfnisse, Grenzen, Verluste oder Erfahrungen geben, die uns wichtig sind.
Manche Gefühle sind schwer auszuhalten. Manche brauchen Zeit, manche Unterstützung und manche zunächst einfach Abstand.
Vielleicht liegt ein Stück Freiheit darin, dass wir nicht mehr gegen alles ankämpfen müssen, was wir in uns wahrnehmen.
Sondern langsam entdecken dürfen, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, mit unseren Gefühlen in Beziehung zu sein.
Mit Interesse, Mitgefühl und in unserem ganz eigenen Tempo.
Und vielleicht entsteht genau dort wieder etwas mehr Raum für das, wonach wir uns manchmal so sehr sehnen:
Für Freude, Verbundenheit und unsere Lebendigkeit.