Wenn der Körper wieder zu einem vertrauten Ort werden darf

Freedom, Freiheit

Warum Genesung mit Körperwahrnehmung beginnen kann

Viele Menschen, die belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht haben, können sehr genau erzählen, was ihnen widerfahren ist. Sie haben Zusammenhänge verstanden, ihre Geschichte reflektiert und vielleicht bereits vieles in Worte gefasst.

Und dennoch kann es sein, dass der Körper weiterhin reagiert.

Mit Anspannung, innerer Unruhe, einem Druckgefühl, Erstarrung, Rückzug, Schreckhaftigkeit oder dem Eindruck, nicht ganz anwesend zu sein. Manchmal genügt eine Stimme, ein Blick, eine bestimmte Situation oder eine kaum merkliche Körperempfindung – und das Nervensystem verhält sich, als wäre die frühere Gefahr noch immer gegenwärtig.

Das bedeutet nicht, dass die bisherige Auseinandersetzung wirkungslos war. Es zeigt vielmehr, dass traumatische Erfahrungen nicht ausschließlich als erzählbare Erinnerung gespeichert werden. Sie können sich auch in unseren körperlichen Reaktionen, unserer Wahrnehmung und unserem Erleben von Sicherheit fortsetzen.

Der Traumaforscher und Psychiater Bessel van der Kolk beschreibt deshalb, dass Menschen traumatische Erfahrungen nicht überwinden können, solange ihnen die Empfindungen in ihrem eigenen Körper fremd bleiben oder Angst machen. Veränderung wird möglich, wenn wir allmählich wahrnehmen können, was in uns geschieht, und beginnen, mit diesen Empfindungen vertrauter zu werden.


Wenn der eigene Körper kein sicherer Ort ist

Für traumatisierte Menschen ist der Körper nicht automatisch ein Ort von Geborgenheit.

Er kann sich angespannt, taub, unruhig, schmerzhaft oder unberechenbar anfühlen. Manche Menschen nehmen beinahe jede Veränderung in ihrem Körper wahr und erleben sie als bedrohlich. Andere spüren nur wenig und haben gelernt, Empfindungen auszublenden, um weiter funktionieren zu können.

Beides kann eine sinnvolle Schutzreaktion sein.

Sich vom Körper zu entfernen, Empfindungen nicht mehr wahrzunehmen oder in einen Zustand von Erstarrung zu gehen, kann in überwältigenden Situationen geholfen haben, das Erlebte zu überstehen. Der Körper hat dabei nicht versagt. Er hat versucht, Schutz herzustellen.

Deshalb geht es in körperorientierter Begleitung nicht darum, jemanden möglichst schnell wieder mehr spüren zu lassen. Es geht auch nicht darum, intensive Empfindungen hervorzurufen oder einen Menschen mit seinem Körpererleben zu konfrontieren.

Es geht darum, in einem sicheren und achtsamen Rahmen vorsichtig zu erkunden:

Was ist im Moment wahrnehmbar?

Was fühlt sich neutral, angenehm oder ein wenig unterstützend an?

Wo entsteht vielleicht etwas mehr Raum?

Und wie viel Körperwahrnehmung ist gerade möglich, ohne dass es zu viel wird?


Körpergewahrsein braucht Sicherheit

Körperwahrnehmung allein ist noch nicht automatisch heilsam.

Wer gelernt hat, dass Empfindungen Gefahr bedeuten, kann durch eine zu direkte Aufmerksamkeit auf den Körper zusätzlich überfordert werden. Gerade deshalb braucht es Langsamkeit, Wahlmöglichkeiten und eine Begleitung, die die individuellen Grenzen respektiert.

Manchmal beginnt Körpergewahrsein nicht mit dem Wahrnehmen einer belastenden Empfindung, sondern mit etwas sehr Einfachem:

  • dem Kontakt der Füße mit dem Boden,
  • dem Halt einer Rückenlehne,
  • einer angenehmen Farbe im Raum,
  • dem Blick aus dem Fenster,
  • einer Bewegung, die sich stimmig anfühlt,
  • oder einem Moment, in dem der Atem von selbst etwas freier wird.

Diese kleinen Wahrnehmungen können dem Nervensystem neue Informationen anbieten. Nicht alles ist gefährlich. Nicht alles geschieht gleichzeitig. Neben der Anspannung gibt es vielleicht auch Halt. Neben der Enge möglicherweise einen kleinen Bereich, der sich weiter oder ruhiger anfühlt.

So kann sich die innere Wahrnehmung langsam differenzieren.


Vom eingefrorenen Zustand zurück ins Spüren

Auch Susan McConnell, die Somatic Internal Family Systems Therapy entwickelt hat, beschreibt die Bedeutung des Körpers in der therapeutischen Arbeit. Somatisches IFS verbindet die Arbeit mit inneren Anteilen unter anderem mit Körpergewahrsein, bewusstem Atmen, achtsamer Bewegung, Resonanz und – in einem passenden professionellen Rahmen – abgestimmter Berührung.

In dieser Haltung wird ein eingefrorener oder vom Körper abgeschnittener Zustand nicht als Widerstand betrachtet, der überwunden werden muss. Auch die Erstarrung wird als Ausdruck eines schützenden Anteils verstanden.

Vielleicht gibt es einen Teil, der gelernt hat:

„Wenn ich nichts spüre, bin ich sicherer.“

„Wenn ich mich nicht bewege, werde ich nicht bemerkt.“

„Wenn ich meinen Körper verlasse, kann ich das aushalten.“

Eine körperorientierte Begleitung versucht nicht, diesen Schutz wegzunehmen. Sie begegnet ihm mit Respekt und Interesse.

Erst wenn ausreichend Sicherheit und innere Zustimmung vorhanden sind, kann sich die Aufmerksamkeit wieder vorsichtig dem Körper zuwenden. Vielleicht wird zunächst nur eine Hand wahrgenommen. Ein Kribbeln. Ein wenig Wärme. Ein Impuls, sich zurückzulehnen oder mehr Abstand zu nehmen.

Mit der Zeit kann ein Mensch erfahren, dass Empfindungen auftauchen dürfen, ohne ihn vollständig zu überwältigen. Dass sie sich verändern können. Dass man sich ihnen zuwenden und sich auch wieder von ihnen entfernen darf.

Das ist ein wesentlicher Schritt: Empfindungen nicht nur auszuhalten, sondern ihnen zunehmend mit Interesse, Mitgefühl und Freundlichkeit begegnen zu können.


Freundschaft mit dem Körper schließen

Die Formulierung, mit dem Körper oder seinen Empfindungen „Freundschaft zu schließen“, kann zunächst ungewohnt klingen.

Wie soll man sich mit etwas anfreunden, das Schmerzen verursacht, Alarm auslöst oder einen immer wieder an belastende Erfahrungen erinnert?

Freundschaft bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, jede Empfindung angenehm finden oder gutheißen zu müssen. Es bedeutet auch nicht, Beschwerden zu ignorieren oder körperliche Symptome vorschnell psychologisch zu erklären.

Es kann vielmehr bedeuten, dem Körper nicht mehr ausschließlich mit Misstrauen oder Ablehnung zu begegnen.

Vielleicht entsteht allmählich die Möglichkeit zu fragen:

Was möchtest du mir gerade zeigen?

Wovor versuchst du mich zu schützen?

Was brauchst du, damit ein wenig mehr Sicherheit entstehen kann?

Eine angespannte Schulter, ein Druck im Brustraum oder ein Impuls zum Rückzug werden dann nicht nur als störende Symptome betrachtet. Sie können als Hinweise eines Nervensystems verstanden werden, das versucht, auf etwas aufmerksam zu machen oder Schutz zu organisieren.

Wenn wir beginnen, diese Reaktionen nicht zu bekämpfen, sondern neugierig zu begleiten, verändert sich häufig die Beziehung zum eigenen Erleben.

Aus

„Mein Körper macht schon wieder Probleme.“

kann langsam werden:

„Mein Körper reagiert gerade. Ich darf herausfinden, was er braucht.“


Meine Beobachtungen in der Begleitung

Auch in meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass tiefes Verstehen allein nicht automatisch dazu führt, dass sich ein Mensch sicherer fühlt.

Klient:innen können oft sehr klar erklären, warum sie in bestimmten Situationen reagieren. Sie erkennen alte Muster, verstehen familiäre Zusammenhänge und wissen, dass die aktuelle Situation objektiv nicht gefährlich ist.

Doch das Nervensystem lässt sich nicht immer durch vernünftige Argumente beruhigen.

Es braucht neue Erfahrungen.

Die Erfahrung, wahrnehmen zu dürfen, ohne überflutet zu werden.

Die Erfahrung, eine Grenze zu spüren und sie ernst nehmen zu dürfen.

Die Erfahrung, dass ein Gegenüber da bleibt, ohne zu drängen.

Die Erfahrung, dass man sich einer Empfindung annähern und jederzeit wieder Abstand nehmen kann.

Und die Erfahrung, dass der Körper nicht nur Anspannung und Angst kennt, sondern ebenso Halt, Kraft, Lebendigkeit, Wärme und Verbundenheit.

Diese Erfahrungen geschehen häufig in kleinen Momenten. Sie wirken von außen vielleicht unscheinbar, können innerlich jedoch sehr bedeutsam sein.

  • Ein tieferer Atemzug.
  • Ein spontaner Impuls, sich aufzurichten.
  • Das Wahrnehmen der eigenen Hände.
  • Ein deutliches Nein.
  • Ein Gefühl von Wärme im Brustraum.
  • Oder der Moment, in dem ein Mensch bemerkt: „Ich bin noch da – und gerade bin ich sicher.“

Genesung bedeutet nicht, nie mehr zu reagieren

Körperorientierte Begleitung verspricht nicht, dass belastende Empfindungen vollständig verschwinden oder das Nervensystem nie wieder in Alarm gerät.

Genesung kann vielmehr bedeuten, dass ein Mensch seine Reaktionen zunehmend versteht und ihnen weniger ausgeliefert ist.

Dass Empfindungen früher bemerkt werden.

Dass zwischen Reiz und Reaktion mehr Raum entsteht.

Dass Schutzreaktionen nicht mehr beschämend wirken, sondern eingeordnet werden können.

Und dass der eigene Körper langsam wieder zu einem Ort wird, den man bewohnen kann.

Nicht immer angenehm.

Nicht immer ruhig.

Aber zunehmend vertraut.


Eine Einladung zur behutsamen Annäherung

Körperorientierte Begleitung richtet sich nicht gegen das Gespräch. Worte, Reflexion und das Verstehen der eigenen Geschichte können wichtige Bestandteile eines Genesungsweges sein.

Manchmal braucht es jedoch zusätzlich eine Ebene, auf der nicht nur darüber gesprochen wird, was geschehen ist, sondern wahrgenommen werden darf, was im gegenwärtigen Moment im Körper geschieht.

Behutsam, ressourcenorientiert und in einem Tempo, das dem jeweiligen Menschen entspricht.

Die Hinwendung zum Körper beginnt dabei nicht mit einer Forderung:

„Du musst mehr spüren.“

Sie beginnt mit einer Einladung:

Vielleicht dürfen wir gemeinsam und ganz vorsichtig entdecken, was dein Körper bereits wahrnimmt.

Vielleicht gibt es neben all dem, was sich eng, taub oder unruhig anfühlt, auch einen kleinen Moment von Halt.

Und vielleicht kann aus diesem Moment heraus langsam eine neue Beziehung entstehen – zum eigenen Körper, zu den inneren Schutzreaktionen und schließlich zu sich selbst.